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Pleitewelle rollt: Deutschlands Wirtschaft unter Dauerdruck

Leonie Braun
Zuletzt aktualisiert: January 13, 2026 20:30
Leonie Braun
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Insolvenzen erreichen Höchststand seit zwei Jahrzehnten

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland spitzt sich weiter zu. Nach Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen zuletzt 17.604 Fälle – so viele wie seit rund 20 Jahren nicht mehr. Damit liegt das Niveau sogar über dem der Finanzkrise 2009. Für das laufende Jahr zeichnet sich keine Entlastung ab. Im Gegenteil: Mehrere Marktbeobachter rechnen mit einem weiteren Anstieg, der neue Negativrekorde bringen könnte.

Bereits der Jahresausklang erwies sich als Warnsignal. Laut vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg die Zahl der Insolvenzen im Dezember gegenüber dem Vorjahresmonat um 15,7 Prozent. Endgültige Zahlen sollen im Frühjahr folgen, doch die Richtung gilt als eindeutig.

Milliardenschäden und steigende Ausfälle

Mit jeder Insolvenz wachsen die finanziellen Folgeschäden. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform beziffert die Forderungsausfälle auf rund 57 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr sehen die Experten sogar ein Potenzial von bis zu 24.000 Firmenpleiten, sollte sich an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nichts ändern.

Als Hauptursachen gelten strukturelle Belastungen: hohe Energiepreise, zunehmende Bürokratiekosten, eine hohe Steuerlast für kleine und mittlere Unternehmen sowie eine anhaltend schwache Binnenkonjunktur. Konjunkturelle Schwankungen allein erklären die Entwicklung längst nicht mehr – viele Betriebe kämpfen um ihre Existenzgrundlage.

Investoren meiden den Standort Deutschland

Besonders alarmierend ist der Rückzug von Kapital. Die Düsseldorfer Unternehmensberatung Falkensteg berichtet, dass potenzielle Investoren bei der Suche nach Übernahmelösungen zunehmend pauschal abwinken. Deutschland gelte vielfach als zu teuer, zu reguliert und zu risikobehaftet.

Ohne frisches Kapital scheitern Sanierungen häufig bereits in der Anfangsphase. Branchenkenner sprechen von einer gefährlichen Abwärtsspirale: Je mehr Insolvenzen auftreten, desto vorsichtiger werden Geldgeber – und desto höher wird die Zahl der Betriebe, die keine zweite Chance erhalten.

Bekannte Marken verschwinden vom Markt

Die Folgen sind längst im Alltag sichtbar. Zahlreiche bekannte Handels- und Modeketten haben den Markt verlassen oder kämpfen ums Überleben. Görtz, Gerry Weber, Wormland, Esprit, Closed oder der Zoofachhändler Zajac sind Beispiele für Unternehmen, die entweder verschwunden sind oder tiefgreifend restrukturiert werden mussten. Auch große Warenhausketten wie Galeria stehen erneut vor massiven Umbrüchen.

Was früher als Einzelfall galt, ist inzwischen zur Regel geworden – mit direkten Auswirkungen auf Innenstädte, Arbeitsplätze und regionale Wirtschaftskreisläufe.

Industrie unter Druck: Chemie und Autozulieferer

Besonders hart trifft es die Industrie. Der Verband der Chemischen Industrie meldet eine durchschnittliche Auslastung der Produktionsanlagen von nur rund 70 Prozent. Unter diesen Bedingungen lassen sich kaum Gewinne erwirtschaften. Gleichzeitig steigen die Kosten für Energie und perspektivisch für CO₂-Zertifikate weiter an.

In der Automobilbranche zeigt sich ein ähnliches Bild. Zahlreiche mittelständische Zulieferer leiden unter schwacher Nachfrage, Preisdruck aus China und dem technologischen Wandel. Viele Betriebe reagieren mit Kurzarbeit oder Werksschließungen – für andere bleibt nur der Gang zum Insolvenzrichter. Allein 2025 verloren rund 170.000 Beschäftigte insolventer Unternehmen ihren Arbeitsplatz.

China als Wettbewerber und Marktproblem

Der Außenhandel verschärft die Lage zusätzlich. Einerseits sinken die deutschen Exporte nach China, andererseits drängen chinesische Anbieter zunehmend als aggressive Wettbewerber auf die Weltmärkte. Maschinenbau und Automobilindustrie, lange Zeit tragende Säulen des deutschen Wachstums, tragen inzwischen zum Rückgang des Bruttoinlandsprodukts bei.

Mit jeder Betriebsschließung geht zudem wertvolles Know-how verloren. Lieferketten reißen, Innovationskraft schwindet, und angeschlossene Unternehmen geraten ebenfalls unter Druck.

Gesundheitswesen rutscht in die Krise

Ein besonders sensibles Feld ist das Gesundheitswesen. Rund 80 Prozent der deutschen Krankenhäuser schreiben rote Zahlen. Steigende Energie- und Personalkosten treffen auf unzureichende Erstattungen durch die Krankenkassen. Die Folge: Immer mehr Kliniken müssen Insolvenz anmelden oder Schutzschirmverfahren nutzen.

Beispiele reichen von regionalen Häusern bis zu großen Einrichtungen in Metropolen. Schließen diese Kliniken dauerhaft, drohen Versorgungslücken, vor allem im ländlichen Raum. Häufig springen Kommunen oder Länder ein – letztlich finanziert der Steuerzahler diese Rettungen zusätzlich zu steigenden Krankenversicherungsbeiträgen.

Gesellschaftliche Folgen nehmen zu

Die wirtschaftlichen Verwerfungen wirken weit über die betroffenen Unternehmen hinaus. Arbeitsplatzverluste dämpfen den Konsum, belasten den Einzelhandel und führen zu weiteren Geschäftsaufgaben. Gastronomie, Freizeitangebote und kommunale Einnahmen geraten unter Druck. In vielen Regionen sinkt die Lebensqualität spürbar.

Ein umfassender wirtschaftlicher Neustart wäre nötig, um diese Dynamik zu stoppen. Doch derzeit deutet wenig darauf hin, dass ein solcher Befreiungsschlag bevorsteht.

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